Dieser kurze Abriss der Geschichte des Tarot erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Sie werden in jedem Buch neue Details dazu finden.

Der Tarot mit dem Aufbau wie wir ihn kennen, ist nicht vor dem 15. Jahrhundert nachweisbar. Es gibt einige Vorläufer, die ihr Figuren aus dem Symbolschatz ihrer Zeit geschaffen haben.

Im Jahr 1393 zeichnete der Maler Charles Gringonneur für den König Charles VI. von Frankreich  17 kolorierte Karten mit Figuren ohne Inschrift und Zahl, von denen einige die uns bekannten Trümpfe darstellen, sowie Pagen, Knappen, Könige und Königinnen.
In der Zeitperiode von 1413 bis 1418 entsteht ein Florentiner Tarotsatz mit 97 Karten.

 Um 1470 entstand ein Kartensatz (Verfasser: Baldini), der aus 50 Bildern bestand, in Zehnerreihen jeweils 1 Thema aufgreifend:

  1. Reihe: Lebensbedingungen wie Bettler, Knappe, Künstler
  2. Reihe: Musen und ihre göttlichen Führer: Calliope, Terpsichore, Apollo
  3. Reihe: Freie Künste und Wissenschaften wie Sprachlehre, Logik, Geometrie, Dichtkunst
  4. Reihe: Künste und Tugenden wie Astronomie, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit
  5. Reihe: System am Himmel wie Mond, Saturn, Primum Mobile (erste Ursache)

Gewisse Entsprechungen zu den Trumpfkarten und den Hofkarten sind erkennbar.
Ein Bologneser Tarot entstand zu Beginn des 15. Jahrhunderts und hatte die vollständigen Haupttrümpfe unter Vertauschung der Karten 20 und 21. Bei den kleinen Arkana sind die Zahlen 2,3,4 und 5 ausgelassen, das ergibt 62 Karten. Den Abschluss bildet das Jüngste Gericht.

Es wird angenommen, dass damit irgendwelche Glücksspiele gespielt wurden, weil im Jahr 1423 St. Bernardin von Sienna gegen Spielkarten und andere Formen des Glücksspiels predigte, womit auch diese Karten gemeint waren.

40 Jahre später wurde unter König Edward IV: von England das Einführen von Karten verboten.

1367 verbietet ein Erlass des Rates der Stadt Bern das Spielen mit Karten für das damalige Stadtgebiet. 9 Jahre später verbietet die Stadt Florenz Karten mit der Bezeichnung Naibbe. Leuenberger vermutet, dass es dabei nicht nur um die wachsende Spielleidenschaft, sondern zuerst um die umwälzende geistige spirituelle Kraft der Karten ging, die den gesteckten Rahmen der Kirche verließ.

 Mitte 15. Jahrhundert malte Bonifacio Bempo einen Satz Karten ohne Nummern und Bezeichnungen für die Familie Visconti in Mailand. Es enthielt 4 Farben mit je 14 Karten, sowie 22 Karten die später Triomphi genannt wurden. Sie zeigten alle uns bekannten Bilder und können als Katalog  sozialer Typen des Mittelalters verstanden werden. In Italien hieß ein solches Spiel dann Tarocchi. Auch ein weiblicher Papst war Bestandteil der populären Kultur.

Es wird angenommen, dass Bempo jedoch okkultes Wissen dargestellt und dass er bereits die Verbindung zur Kabbala in Bilder und Aufbau miteinbezogen hat. Es gibt für jede Farbe 4 Hofkarten.  Er hat damit einen Archetypus geschaffen, ob bewusst oder aus tiefem Instinkt, weiß man nicht. Es gibt jedenfalls eine erstaunliche Übereinstimmung zwischen dem Tarot und der jüdischen Geheimlehre der Kabbala, obwohl in der kabbalistischen Literatur an keiner Stelle vom Tarot die Rede ist. Es gibt also keinen wirklichen Beleg dafür.

Erst im 19. Jahrhundert erwähnen Tarot-Kommentatoren die Verbindung zwischen Tarot und Kabbala. Rachel Pollack schreibt, dass die Namen Zahlen der Karten später als die Bilder aufkamen.

 1781 weist der Okkultist Court de Gebelin enthusiastisch darauf hin, dass der Tarot ägyptischen Ursprungs sei, ein Überbleibsel des Buches Thot. Dafür gibt es jedoch keinerlei Beweise. Er machte in Paris mit dem Tarot Bekanntschaft und  stellte seine Verbreitung über Spanien, Südfrankreich, Deutschland und Italien fest. Er wurde als Glücksspiel benutzt, aber auch für die Wahrsagekunst.

Das Auftreten der Zigeuner in Europa und die ersten urkundlichen Erwähnungen von Spielkarten fallen zeitlich zusammen.
Gébelin glaubte die damals gängige Ansicht, die Zigeuner seien Nachfahren der alten Ägypter. Tatsächlich stammen sie aus Indien und dem Himalaya. Ihre Sprache hat Ähnlichkeit mit dem Sanskrit.

Es folgten weitere Tarot-Spezialisten: Etieilla (Alliete) um 1783, der die ägyptische Herkunft des Tarot postulierte später Mlle. Lenormand, um 1848 W.A. Chatto, der diese Herkunft wieder verneinte. Andere sprachen den Tarot den Zigeunern zu, die ihn aus Indien mitgebracht hätten. Für all dies gibt es keine Belege.

Eliphas Levi (Alphonse Louis Constant) griff die Zigeuner-These auf und nahm für den Tarot ein hohes Alter an. Ende des 19. Jahrhunderts brachte er den Tarot mit der Kabbala in Verbindung und stellte fest, dass zwischen dem Tarot und dem kabbalistischen Baum des Lebens eine enge Verbindung besteht (s. „Tarot und der kabbalistische Baum des Lebens“)

Eliphas Lévi hat sich auch mit einer möglichen Verbindung des Tarot mit indischen Traditionen beschäftigt. In die gleiche Richtung ging Papus (der Arzt Gèrard Encausse). Er beschäftigte sich mit den divinatorischen und numerologischen Möglichkeiten, sowie mit dem Zusammenhang mit dem hebräischen Alphabet.

Er unterhielt Verbindungen mit der englischen okkulten Bewegung und seinem Zentrum, dem Orden The Golden Dawn, dessen Blütezeit am Ende des 19. Jahrhunderts lag. Zu ihm gehörte auch Arthur Waite, der im Jahr 1910 das heut noch äußerst verbreitete Tarot-Deck herausbrachte, dessen Beliebtheit sich bis heute darauf gründet, dass er die Zahlenkarten mit Bildern versehen hat (s. „Die Zahlenkarten und ihre Bilder“).

Auch Alister Crowley war Mitglied im Golden Dawn. Er brachte sein Tarot-Deck erst im Jahr 1937 heraus, nahm auch einige Veränderungen vor.
In diesem Zusammenhang gebührt den beiden Künstlerinnen, die diese großartigen Decks gemalt haben. eine entsprechende Würdigung. Die Karten des als Rider-Waite-Deck bekannten Spiels wurden von der Künstlerin Pamela Smith gemalt, die Karten des Crowley-Decks von Frida Harris. Es ist das Werk von zwei begabten Frauen, denen wir die Bilder der am meisten verbetreiteten Tarotdecks verdanken.

Unabhängig davon, dass der Tarot geschichtlich frühestens seit dem 15. Jh. nachweisbar ist, sind doch die Bilder und Symbole teilweise erheblich älter und weisen m.E. weiter in die Vergangenheit zurück als in die Zeit der ersten überlieferten Kartendecks.

Die verwendeten Symbole und Bilder sind gehen womöglich auf sumerische, altägyptische, griechische und babylonische Quellen zurück.

Im Zuge der sog. New-Age-Bewegung in den letzten 4 Jahrzehnten hat sich der Tarot weit verbreitet. Es wurden auch viele moderne Decks gestaltet. Auch bekannte Künstler und Künstlerinnen haben Tarotdecks gemalt wie Hermann Haindl, Nicke de St. Phalle, Margarethe Petersen und Carl W. Röhrig.

Es scheint so, als wäre der Tarot eine Modeerscheinung. Aber seine Geschichte lehrt, dass er eine anhaltend bedeutsame Botschaft zu verkünden hat: In ihm ist das Urwissen über die große kosmische Schöpfungsordnung enthalten.